E-Pionier mit großem Elektroauto-Fuhrpark: Ihr Bäcker Schüren in Hilden

E-Pioniere: Ihr Bäcker Schüren

„Wir brauchen E-Autos in der Sprinterklasse – und kein Automobilhersteller baut sie uns“, klagte Roland Schüren Anfang 2017. Heute liefert der Bäckermeister und E-Pionier seine Brötchen mit dem ersten Serien-Elektro-3,5-Tonner Europas aus. Eine Erfolgsgeschichte.

Selbsthilfegruppen gründen Menschen mit ähnlichen Sorgen. Wenn Bäcker so eine Gruppe gründen, um welches Thema geht es dann wohl? Da kommen Sie nie drauf: um Elektroautos! „Wir brauchen E-Autos in der Sprinterklasse – und kein Automobilhersteller baut sie uns“, klagte Roland Schüren Anfang 2017 in der von ihm auf Facebook gegründeten E-Transporter Selbsthilfegruppe. Sollten sich die Bäcker einen für ihre Zwecke geeigneten Lieferwagen denn etwa selbst backen? Das Echo war gewaltig: Innerhalb weniger Tage traten zwei Dutzend Betriebe aus Deutschland, Österreich, Italien und den Niederlanden der Gruppe bei und gaben Absichtserklärungen für den Kauf von mehr als 100 Fahrzeugen ab.

Die Bäcker plagt alle die gleiche Sorge: Wie beliefern sie bei Fahrverboten für Diesel-Fahrzeuge ihre Filialen in den Innenstädten? „Kaufen wir noch einen Diesel oder nicht?“, fragt Roland Schüren stellvertretend für die Kollegen. Allein in seinem Betrieb müssen täglich 10.000 Brötchen, 3.000 Brote und andere Leckereien von der Backstube in 18 Filialen geliefert werden. Doch der 52-Jährige ist nicht nur ein erfolgreicher Bäcker und Unternehmer, sondern auch ein engagierter Elektroauto-Pionier. Seit Jahren setzt er Stromer in seiner Firma ein, privat nutzt er gerade einen Tesla Model S, davor war es ein Opel Ampera-e.

Der Traum vom „Bakery Vehicle One“

Roland Schüren: Bäckermeister und E-Pionier

Roland Schüren: Bäckermeister und E-Pionier
Foto: © Christopher Mick

Für „Ihr Bäcker Schüren“, ein inhabergeführtes Unternehmen in vierter Generation mit heute rund 250 Beschäftigten, gehört nachhaltiges Unternehmertum zu den wichtigsten Prinzipien. Die Firma entwickelte ein zukunftsweisendes Energie- und ein Logistikkonzept, um sich als erste Bäckerei Deutschlands selbst mit CO2-neutraler Energie zu versorgen. Nicht nur deshalb träumte Roland Schüren vom „BV1“, dem elektrischen „Bakery Vehicle One“: Am Firmensitz im nordrhein-westfälischen Hilden sind Fuhrpark und Lademöglichkeiten ein Paradies für E-Autofahrer.

Vor dem Backstubenladen steht ein Ladepark mit 14 Ladeplätzen und 31 kostenlosen Ladestationen, darunter verschiedene Schnellladeanschlüsse. Der Strom stammt aus erneuerbaren Quellen und hauptsächlich von eigenen Fotovoltaikanlagen mit insgesamt 185 Kilowattpeak (kWp) Leistung, die auf Verwaltungsgebäude, Backstube sowie Carport sitzen. Jeden Samstagvormittag treffen sich hier E-Autofahrer zum E-Mobilisten-Stammtisch, zum Kaffeetrinken und Fachsimpeln über Papas oder Mamas neuen E-Liebling.

Video: Der E-Mobilisten-Stammtisch

Solarmodule zum Laden des Firmenfuhrparks

Die Solarmodule liefern auch Energie zum Laden des Firmenfuhrparks, Schüren fährt seine Ware mehrmals täglich ausschließlich mit Elektro- und Erdgas-Fahrzeugen aus. Um überflüssige Wege zu Filialen und Großkunden zu vermeiden, plant die Logistik akribisch alle Touren. Die Fahrer nutzen dazu derzeit zwei umgerüstete elektrische Mercedes Sprinter und drei Nissan e-NV200 Lieferwagen. Für die erhielt das Unternehmen im Rahmen des „e4business“-Programms von Nissan eine eigene Schnellladesäule: Nach 20 Minuten Ladestopp können jetzt drei statt vorher zwei Touren gefahren werden.

„Außer Backwaren transportieren unsere Elektroautos ein positives Firmenimage“, freut sich Roland Schüren. Sieben große Mercedes Sprinter fahren noch mit Erdgas, aber selbst die möchte der Firmenchef nach und nach gegen elektrische Modelle tauschen – wenn er Fahrzeuge finden würde.

Workshop für den Wunsch-Elektrotransporter

Anfang Februar 2017 organisierte die Selbsthilfegruppe einen Konfigurations-Workshop in Hilden: 29 Unternehmen gestalteten ihren Wunsch-Elektrotransporter. Dabei beteiligten sich neben Bäckereien auch SHK-Handwerker, Elektrotechnikbetriebe, Schreinereien, je ein Blumenzüchter, Getränkelogistiker, Paket- und Krankentransportdienst sowie die Stadtverwaltung Düsseldorf.

Zusammen mit dem Hildener Technikpartner Broedersdorff & Koenzen wurden die gewünschten Anforderungen wie etwa Leistung, Reichweite sowie Zuladung in einem detaillierten Lastenheft erstellt und mit der Angebotsanforderung an 51 Kraftfahrzeughersteller sowie Umbaufirmen versandt. Gleichzeitig zahlten rund 70 Unternehmen aus der Selbsthilfegruppe je 2.000 Euro pro reserviertem BV1 auf ein Treuhandkonto ein und gaben damit eine verbindliche Bestellung ab.

E-Autos bieten Mitarbeitern und Azubis viele Vorteile

„Elektroautos eignen sich auch zur Mitarbeitermotivation“, meint Roland Schüren. Für die Azubis schaffte er zwei Renault Twizy und einen Elektroroller an, die damit selbst dann die Firma erreichen, wenn weder Bus noch Bahn unterwegs sind. Nebeneffekt: Seitdem findet er für seine Ausbildungsplätze deutlich leichter neue Lehrlinge. Fünf weitere Angestellte nutzen derzeit drei geleaste Renault Zoe und zwei gekaufte Citroën C-Zero als Dienstwagen.

„Mit Elektroautos kann ich als Unternehmer die Vorteile viel einfacher an meine Mitarbeiter weitergeben“, so Schüren. Bei den Kosten treffen sich Unternehmen und Mitarbeiter „ungefähr bei der Hälfte.“ Den Ladestrom gibt’s umsonst und der geldwerte Vorteil ist steuerfrei, da die Pendelstrecken der Mitarbeiter nicht allzu weit sind. Weitere E-Pkw will der Bäckermeister spätestens 2019 anschaffen, wenn die neue 0,5-Prozentregel für Dienstwagen gilt.

Smart Grid zur besseren Solarstromnutzung

Um den selbst erzeugten Sonnenstrom mehr nutzen zu können, ist ein eigenes intelligentes Stromnetz nötig, ein sogenanntes Smart Grid. Für den Betrieb wäre es ideal, wenn sich der tagsüber geerntete Strom für die Bäckerfrühschicht in der kommenden Nacht speichern ließe. Das können stationäre Batteriespeicher übernehmen oder mobile Pufferspeicher, wie zum Beispiel die ungenutzt am Firmenparkplatz stehenden E-Lieferfahrzeuge. Denn Elektroautos mit bidirektionaler Speicherfunktion können Strom laden und an andere Verbraucher wieder abgeben.

In Zukunft sollen deshalb die elektrischen Lieferwagen tagsüber den Sonnenstrom laden und nachts sowie morgens an die Backstube abgeben, wenn dort fleißig Brote, Brötchen und Kuchen hergestellt werden. Aber nur bis zu einem definierten Ladestand, so dass für die E-Autos noch ausreichend Fahrstrom für die erste und zweite Lieferung zur Verfügung steht.

Zur Verwirklichung des Smart Grid arbeitet „Ihr Bäcker Schüren“ seit Dezember 2014 beim Forschungsprojekt lokSmart JETZT! mit, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert und vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) fachlich und organisatorisch umgesetzt wird. Ziel ist es Lösungen für die lokale Nutzung regenerativer Energiequellen in Kombination mit modernsten Speichermedien zu finden und zu erproben. Aktuell tüfteln die Experten an der Informations- und Kommunikationstechnik zur Steuerung der Energieflüsse. Bis es soweit ist, wird der Sonnenstrom, den die Firma nicht selbst nutzen kann, günstig allen E-Mobilisten angeboten.

Der erste Serien-Elektro-3,5-Tonner Europas auf Testfahrt

Bakery Vehicle One: der erste Serien-Elektro-3,5-Tonner Europas

Bakery Vehicle One: der erste Serien-Elektro-3,5-Tonner Europas
Foto: © Christopher Mick

Und natürlich auch den Mitgliedern der Selbsthilfegruppe, die sich zum Prüfen und Nachverhandeln der eingegangenen Angebote von Autobauern und Umrüstern in Hilden trafen. Auf der 127 Kilometer langen Schüren-Bäcker-Liefertour Nr. 7 absolvierten die E-Kandidaten mehrere Testfahrten mit immer gleicher Beladung und gleichem Fahrer. Und dann war endlich der erste Serien-Elektro-3,5-Tonner Europas geboren: Das Bakery Vehicle BV1 besteht aus dem StreetScooter Work L der gleichnamigen Aachener Deutschen Post-Tochter als Grundgerüst, die Brettener TBZ Fahrzeugbau steuert das Niederflurfahrwerk mit Bäckerei-Koffer in Leichtbauweise bei.

Roland Schürens Erfahrungen mit Elektrofahrzeugen sind privat wie geschäftlich rundweg positiv: „Das Thema Wartung zum Beispiel gibt es bei E-Autos einfach nicht“, weiß der E-Autofahrer. „Wenn Sie sich allein die Bremsen anschauen, die sind aufgrund der Rekuperation wie neu!“

Selbst die Batterien halten länger als vorhergesagt: Schüren testete einen Prototyp des Mercedes-Benz Vito E-Cell, dessen Batterie nach vier Jahren und 80.000 Kilometern so leistungsstark wie am Anfang war. Und mit Strom fährt sich’s ohnehin billiger: Ein 3,5-Tonnen-Lieferwagen mit Dieselmotor benötigt auf 100 Kilometer für etwa 13 Euro Treibstoff, beim elektrischen BV1 kostet der Strom bei einem Verbrauch von 35 Kilowattstunden (kWh) mit einem guten Gewerbestromtarif nur 3,50 Euro. „Wenn die Sonne scheint, fahren wir mit dem Strom aus unseren Fotovoltaikanlagen umsonst“, freut sich Roland Schüren.

Eine Sorge weniger!

Nur 15 Monate nach der Idee wurden Ende März 2018 die ersten BV1 ausgeliefert. Der Preis liegt je nach Version zwischen 38.950 Euro und 62.950 Euro, also maximal der doppelte Preis eines Diesel-3,5-Tonners und nicht mehr drei bis viermal so viel wie bisher. Die höheren Anschaffungskosten amortisieren sich durch Umweltbonus und geringere Betriebskosten nach etwa dreieinhalb bis viereinhalb Jahren, je nach Stromvertrag und ob Strom aus eigenen Fotovoltaikanlagen genutzt wird.

Schüren meldete kürzlich seinen ersten BV1 sowie einen Streetscooter Work L an und kommt seinem Ziel, CO2-neutral zu wirtschaften, immer näher. Die wenigen CO2-Emissionen, die noch durch den Einsatz von Erdgas anfallen, kompensiert das Unternehmen durch Ausgleichsmaßnahmen über „First Climate“. Die E-Transporter Selbsthilfegruppe hat ihren Zweck erfüllt und dient jetzt dazu, neue Interessenten den Kontakt zum Automobilhersteller TBZ zu vermitteln. So schnell können sich Sorgen in Luft auflösen …

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