Die Quadratur des Quartiers

Energiewende sagen die einen, nachhaltig leben die anderen. Luftreinhaltung und Klimaschutz, energieeffizient bauen und Verkehrswege planen – wie hängt das alles zusammen? Und was trägt die Elektromobilität zum urbanen Leben des 21. Jahrhunderts bei? Einige Modellprojekte zeigen Perspektiven auf.

Den demografischen Wandel meistern – vor dieser Herausforderung stehen alle Kommunen. Junge Menschen zieht es in die Stadt. Ältere, die weniger mobil sind, wollen dort wohnen, wo sie Einkaufsmöglichkeiten, Kultur- und Freizeitangebote vorfinden. Städte wollen attraktiv bleiben. Im eigenen Interesse, aber auch für die heimische Wirtschaft und deren Arbeitskräfte. Darauf müssen Wohnungsbau und Stadtplanung Antworten geben.

Verkehrswege und Wohngebiete werden von Städten und Gemeinden über Jahrzehnte geplant. Längst beeinflusst der Klimawandel diese Planungen: Deutschlands Städte leiden unter dem Verkehr. Autos beanspruchen weitgehend den Verkehrsraum – obwohl sie meistens stehen. Verbrennungsmotoren belasten die Luftqualität, verursachen Lärm, schädigen die Gesundheit.

Elektromobilität – ein Teil der Lösung

Elektrisch angetriebene Fahrzeuge vermeiden lokale Emissionen. Sie fahren leise und sauber. Eine Ladeinfrastruktur lässt sich ins Wohnen integrieren – sei es in privaten Garagen oder in größeren Wohnsiedlungen. Der alternative Antrieb allein löst jedoch nicht alle Verkehrsprobleme. Wenn sich mehrere Bewohner ein E-Auto teilen, kann das bis zu zehn private Pkws verdrängen und schafft Platz. Der private und der öffentliche Verkehr müssen optimal verzahnt werden: Elektrobusse und -bahnen sind das eine, bequeme Parkmöglichkeiten für Räder am Bahnhof oder vorm Lebensmittelladen das andere.

Multimodal und intermodal nennen Verkehrs- und Stadtplaner diese Mobilität der Zukunft: Man kann eine Vielzahl von Verkehrsmittel auf einfache Art nebeneinander und nacheinander benutzen.

Bauen in Stadt und Land – noch hürdenreich

Viele  Planungen scheitern an den eigenen Vorgaben der Städte. Die Bereiche Wohnen, Arbeit und Freizeit sind getrennt. Ihre bisherige Verbindung ist der private Pkw mit Verbrennungsmotor. Für Millionen Eigenheimbesitzer wie für Eigentümer und Mieter von Wohnungen ist es klar, dass sie eine Garage oder einen Park- oder Stellplatz in der Tiefgarage haben. Die Landesbauordnungen sehen das vor, die kommunalen Satzungen schreiben es fest.

Für zukunftsgerechtes Bauen wie für die weitere Verbreitung der Elektromobilität erweist sich das als Hindernis: Sobald Ladestationen geplant werden, ist in Wohnanlagen das Gemeinschaftseigentum betroffen. Es dauert Jahre und schafft Konflikte, bis eine Lösung gefunden ist. Die Landesbauordnung sagt fast überall: Zu jeder Wohnung gehört ein Stellplatz. Erst allmählich beginnt ein Umdenken.

E-Mobilität in der Quartiersplanung

Was macht Wohnen und Leben attraktiv? Das Auto findet in diesen Vorstellungen immer weniger Platz. Das Bedürfnis nach Mobilität muss befriedigt werden, ein Auto ist nicht zwingend erforderlich. Baden-Württemberg ist Vorreiter: Seit der Novellierung der Landesbauordnung 2015 können Kommunen ihre Satzungen so gestalten, dass sie weniger als einen Stellplatz pro Wohnung ausweisen und alternative Angebote vorsehen.

Längst denken Planer weiter: Intelligente Häuser haben einen niedrigeren Energiebedarf. Sie erzeugen einen Großteil der Energie selbst und flexibilisieren die zeitliche Nachfrage. „Netzdienliche Gebäude“ entlasten die Stromnetze, die schiere Gebäudemasse kann als thermischer Speicher dienen. So kommen erneuerbare Energien und dezentrale Lösungen ins Spiel.

Mit einem intelligenten Lademanagementsystem können Elektroautos heute schon Nachfrage puffern, Netzlast glätten. Wenn sie bidirektional laden, können Elektrofahrzeuge wie rollende Kraftwerke ihre Akkuladung für Quartierlösungen bereitstellen.

Vorreiter und Modellprojekte

  • Wohnen am Rosenstein: Ein Modellprojekt der Siedlungswerk GmbH Wohnungs- und Städtebau in Stuttgart erprobt Elektromobilität und Wohnen. Seit 2017 entstehen hier 125 Wohneinheiten mit umweltfreundlicher Energieeigenversorgung für die Gebäude und lokal erzeugtem Ökostrom fürs Carsharing. Das Carsharing erspart teure Stellplätze und die damit verbundene Versiegelung von Flächen. Tiefgaragen können für Kinderwagen oder Pedelec genutzt werden. Grünflächen, Bäume und Spielplätze erhöhen die Aufenthaltsqualität.
  • Neues Quartier in Potsdam: Ähnliches wie die Stuttgarter Rosenstein-Siedlung plant die Landeshauptstadt Potsdam für die nächsten zehn Jahre. In Krampnitz soll ein modernes Wohnquartier für 10.000 Menschen entstehen, das Mobilität, Energie und Ökologie mustergültig verbindet. „Wanderbare Stadt“ will der neue Stadtteil werden – Fußgänger und Radfahrer haben Vorfahrt. Bis 2025 bekommt Krampnitz eine Straßenbahn, Quartiersgaragen bündeln und bändigen den ruhenden Verkehr. Carsharing und Elektromobilität werden gefördert.
  • Die Modellregion Stuttgart will öffentlichen Nahverkehr und Carsharing in der Stadt und im Umland fördern. Ziel: Mobilität soll vernetzt und leicht bedienbar sein.
  • Das „e-Quartier“ in Hamburg zieht eine erste Bilanz: e-Carsharing und genossenschaftliches Wohnen sind auch in einer Metropolregion ein gutes Tandem.
  • An Rhein und Ruhr gibt es gleich mehrere Anläufe, Elektromobilität und Wohnungswirtschaft zu verbinden. Während „eMove“ in der Großregion keinen sonderlichen Erfolg hatte, will die „Green City Gelsenkirchen“ nun auch die Digitalisierung stärker einbeziehen. Die „Innovation City Bottrop“ zog schon 2015 eine positive Bilanz, und mit „Freiheit Emscher“ entsteht nun ein neues Wohnquartier zwischen Essen und Bottrop, das mit Radverkehr und Elektrobus innovative Zukunftslösungen bieten will.

Die EMiS-Toolbox („EMiS“ steht für „Elektromobilität in Mittelstädten“) will zur Nachahmung anregen. Dabei steht nicht so sehr der Wohnungsbau im Vordergrund, sondern die Schaffung einer öffentlichen Ladeinfrastruktur, die den Besonderheiten des Quartiers gerecht wird.

So benötigen Mehrfamilienhaus-Siedlungen mehr Ladestationen auf öffentlichen Parkplätzen als solche, wo Einfamilienhäuser dominieren. Darüber hinaus gibt es viele geeignete Standorte für Ladestationen: Kliniken oder Veranstaltungshallen, Bahnhöfe, Baumärkte, Park&Ride-Parkplätze und viele andere. Ein nicht unwichtiger Nebenaspekt: Kommunen dürfen reservierte Carsharing-Flächen dort ausweisen, wo sie besonders attraktiv sind.

Fazit und Ausblick

Allein wird die Elektromobilität die Verkehrs- und Umweltprobleme der Städte nicht lösen: Vielmehr schieben Stadtplanung und Wohnungswirtschaft im eigenen Interesse neue Lösungen an. Aus den zahlreichen Einzelprojekten kann in den nächsten Jahren eine bunte, vielfältige Landschaft entstehen. Leben, Wohnen und Energie, Arbeit und Mobilität verbinden sich in Zeiten der Digitalisierung auf neue Weise.

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